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  • Albanien 5

    Berat

    Der einzige Grund, warum wir in Berat auf den Campingplatz gegangen sind, war, dass wir uns mit frischem Wasser versorgen wollten, der Supermarkt zum Einkaufen gerade mal 90 Meter entfernt lag und es in die Altstadt fünf Minuten zu Fuß war. Außerdem gab es kostenlos WiFi.

    Berat, die Stadt der tausend Fenster, UNESCO Weltkulturerbe. Eine kleine Stadt, die irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein scheint und die sich zu beiden Seiten einer Schlucht die Hänge der Berge hinauf erstreckt. Sie wird geteilt von einem Fluss, der mitten durch sie hindurch fließt und die niedrigen Häuser werden überragt von Kirchtürmen und Minaretten.

    Viel Zeit hatten wir nicht, denn schon am nächsten Morgen wollten wir einen Trail in den Bergen fahren, die sich hinter Berat auftürmen und in denen unter anderem der höchsten Punkt Albaniens liegt, den man mit einem Fahrzeug erreichen kann.

    Aber für einen Rundgang durch die Altstadt reichte es. Wir genossen das Flair wirklich sehr. Einzig die vielen Touristen und somit auch die knackigen Preise waren ein kleiner Wermutstropfen.

    Wieder Off-Road

    Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen und zogen los. Einen Zwischenstopp noch bei der Tanke, dann schraubten wir uns schon die Hänge der Berge hinauf.

    Schnell kletterte die Höhenanzeige des GPS auf 800 und dann auf 1000 Meter. Um uns stachen die schneebedeckten Gipfel hell gegen den tiefblauen Himmel ab. Der Trail, ein nicht wirklich befestigter Weg, voll Geröll und Schotter war noch weit in der Ferne als sich dahin windende Schlange über die Flanke des Berges zu sehen. Man wurde ordentlich durchgeschüttelt, aber Spaß machte es auf jeden Fall. Wir schraubten uns immer höher und knackten bald die 1200 Meter Marke. Vor uns wurde ein Trupp Touristen in zwei schrottigen Land Rover Discovery durchs Gebirge gekarrt. Erlebnistour im albanischen Hinterland! Doch sobald wir in Sicht kamen, waren die Gipfel vergessen und bei einer kleinen Rast wurden mehr Fotos von uns, als von der atemberaubenden Szenerie geschossen.

    Uns führte der Weg weiter, an einer Abzweigung links…

    Und dann begann der Ritt erst richtig.

    Der unbefestigte, schotterige Weg wechselte zu… naja… einem unbefestigten Weg, der nur noch aus Schlamm und Lehm zu bestehen schien. Die augenscheinlichen Regenfälle der letzten Nacht hatten das, was mal irgendwann von dem Pfad übrig war, aufgeweicht oder weggespült. Wir gruben uns schon fast durch die Landschaft, die Reifen dick verklebt von Lehm und überall spritzte Schlamm herum. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit sank auf Schrittgeschwindigkeit.

    Als dann noch eine Passage um einen See anfing, bei der die Außenkante des Reifens nur Zentimeter vom Ufer des Sees entfernt war, der ca. einen Meter darunter lag, wäre man wahrscheinlich mit verbunden Augen und Rückwärts gehend schneller vorangekommen als wir.

    Als der Abschnitt hinter uns lag atmeten wir hörbar und erleichtert auf, nur um zu merken, dass auf der Rückseite der Anhöhe, die wir nach dem See überwunden hatten, der Weg praktisch gar nicht mehr existierte. Herabfließendes Wasser hatte tiefe Rillen in der Landschaft und der ohnehin schon schlechten Fahrbahn hinterlassen. Wir mussten immer wieder stoppen, und Sarah musste mich per Handzeichen durch die Gräben lotsen, sonst wäre die Chance bestanden, einfach umzukippen oder den Hang bei dem Lehm hinunter zu rutschen.

    Für eine Strecke von 50 km brauchten wir geschlagene fünf Stunden.

    Fix und fertig fielen wir abends nach dem wohlverdienten Lagerfeuer ins Bett, froh und stolz es geschafft zu haben.

    Und noch mehr Off-Road

    Am Morgen führte uns eine Verbindungsstraße zu einer weiteren Piste, die uns wieder in die Berge führen würde.

    Wir scherzten noch, dass der gestrigen Trail bei WikiLoc mit schwer beschrieben war und der heutige nicht. Außerdem war der heutige Weg sogar bei google maps als normale Verbindungsstraße drin, also alles halb so schlimm…

    Aber wir merkten schnell, als wir die ersten Kilometer auf dem Bergpfad zurückgelegt hatten, dass das hier eine ganz andere Nummer werden würde.

    Schon zu beginn kam eine Flussdurchfahrt, Felsen lagen überall und tiefe Furchen zogen sich längs der Fahrbahn… Wenn man sie so nennen konnte.

    Mit jedem Höhenmeter mehr hatte man das Gefühl als würde die fahrerische Schwierigkeit zunehmen. Mal hob das eine Rad vom Boden ab, wenn sich das Auto über einen großen Stein kämpfte, mal streichelte der Rammschutz liebevoll den steinigen Boden.

    Auf knapp 1250 Metern passierte es dann.

    Der Weg war so schlecht, dass es bereits Ausweichrouten um die zerklüftetsten Stellen gab. Diese waren aber so zerfahren und verschlammt, das es praktisch kaum möglich war, sie zu befahren.

    Da uns aber nicht wirklich viele Optionen blieben, mussten wir es probieren. Der erste Versuch scheiterte kläglich nach drei Metern und durchdrehenden Reifen. Überall spritzte der Schlamm herum und das Auto rutschte quer zum Hang hin und her.

    Beim zweiten Versuch unterbauten wir mit Steinen und Ästen. Das wurde belohnt… Mit ganzen acht Metern! Dann drehten die Reifen wieder durch und wir rutschten bloß noch herum.

    Wir stiegen aus und sahen uns den Hang weiter bergauf an, vielleicht könnte man ja irgendwie anders weiterkommen, aber auch Fehlanzeige.

    Wir beschlossen, es auf einen letzten Versuch ankommen zu lassen.

    Mit reichlich Schwung, vielen Steinen und unter lautem Aufheulen unseres Turbodiesels… schafften wir zehn Meter bis wir durchdrehend zum Stehen kamen.

    Wir gaben auf!

    Wenden war auf diesem Untergrund und bei diesen Voraussetzungen fast genauso schwierig wie vorankommen, aber mit Wenden in 248 Zügen schafften wir es und traten niedergeschlagen den Rückzug an.

    Schwer brannte die Schmach auf meiner Seele, aber unser Reisebegleiter ist halt kein reinrassiger Off-Roader mehr, nach allem, was wir ihm auf den Buckel gepackt haben. Wir waren schon froh, dass wir zusammen schon so viele Engpässe gemeistert haben, von denen wir nie gedacht hätten, dass es zu schaffen sei.

    Wir waren stolz auf unseren Hilux, aber dieses Mal musste er sich geschlagen geben…

    Wie zur Wiedergutmachung fanden wir einen überragenden Platz für die Nacht, keine drei Kilometer entfernt, der uns auf dem Hinweg nur aus dem Augenwinkel aufgefallen war. Bei näherer Betrachtung hingegen konnte man in dieser Region kaum etwas schöneres finden. Ein Plateau auf knapp 1250 Meter mit phänomenalem Blick über die Szenerie der Berge mit ihren schneebedeckten, Wolken umspielten Gipfeln, die in der Abendsonne orange leuchteten. Der Boden war steinig und eben.

    Leider wurde es kein sehr langer Abend, da die Temperatur nach Sonnenuntergang auf unter 10 Grad fiel und der Wind eiskalt über die Hänge strich.

    Am nächsten Morgen und mit neuem Mut machten wir uns auf zurück nach Berat, denn einen anderen Weg gab es nicht.

    Die Fahrt kostete uns drei Stunden zurück und nochmal knapp zwei, bis wir einen Stellplatz gefunden hatten, denn in der Nähe von Städten ist Wildcampimg immer schwierig. Wir fanden einen Platz an einem stinkenden Stausee und als wir gerade ausgepackt hatten, begann es fürchterlich zu regnen.

    Dieser Tag sollte als einer der schlimmsten auf unserer bisherigen Reise eingehen.

    Als wir klitschnass alles verstaut hatten und gerade unsere nassen Klamotten auszogen, klopfte es an der Kabinentür: Der Besitzer des Grundstücks, auf dem wir standen und von dem wir ausgingen, dass es niemandem gehören würde.

    Aber der Kerl war echt freundlich und erlaubte uns sofort, die Nacht über stehen zu bleiben. Glück im Unglück…

    Da bis jetzt ein mieser Tag den nächsten gejagt hatte, hofften wir an diesem Morgen wenigstens auf ein bisschen Glück.

    Und der Tag begann nicht schlecht. Charlotte und Richard meldeten sich und witzigerweise waren sie nur wenige Kilometer entfernt. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag und machten uns auf, wiedermal in die Berge.

    Und nur dass man keine falsche Vorstellung hat. Wenn wir in Albanien von „ein paar Kilometern“ reden, kann das schnell mal Tage dauern bei den Pisten durch die Berge. Teilweise könnte man schneller laufen als die Strecken mit dem Geländewagen zu fahren.

    Und so kam es, wie es kommen musste. Im Schneckentempo erkämpften wir uns jeden Meter durch das felsige Terrain, geplagt von Schlamm, Matsch und immer mal wieder aufkommenden Regenschauern.

    Aber nach vier Stunden härtestem Off-Road erreichten wir einen Platz, an dem wir die Nacht verbringen wollten.

    Am Rand eines Damms, inmitten von hoch aufragenden, schneebedeckten Bergen. Und gerade als wir ankamen, lugte die Sonne durch die Wolken und schenkte uns einen wunderschönen Abend mit entsprechendem Sonnenuntergang.

    Der Morgen begann für mich um fünf Uhr früh. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen und als ich das Auto verließ, in dem meine Damen noch selig schlummerten, blieb mir der Mund offen stehen.

    Nein, nicht weil ein Hund in der Nacht unseren gesamten Müll zerlegt hatte auf der Suche nach etwas Essbarem… Das auch, aber eigentlich, weil ich kaum fünf Meter weit sehen konnte. Die Wolken hatten sich in dem Tal fest gesetzt und uns komplett eingehüllt.

    Wie ich nun mit meinem Kaffee so da saß, konnte ich beobachten wie sich die Sonne über die Gipfel schob und langsam den Nebel vertreib. Es war wirklich eine magische Situation, die mich voll gefangen nahm.

    Nachdem sich auch meine Frauen aus dem Bett gequält hatten, machten wir uns auf, die anderen zu treffen.

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