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  • Albanien 4

    Abschied

    Als wir uns am nächsten Morgen fertig machten kam die Frage aus der Bucht, ob wir nicht noch eine Nacht dort verbringen wollten, die Australier wären so nett und die Schwaben am Morgen gefahren.

    Ich wollte aber lieber weiter und so trennten sich unsere Wege.

    Wieder solo unterwegs führte uns eine Piste ab Borsh in die Berge. Vorher passierten wir noch einige atemberaubende Buchten, deren Farbe des Wassers locker auch so in der Karibik hätte vorkommen können. Türkis wechselte mit tiefem blau, dazwischen scharfkantige Klippen und weißer Sandstrand.

    Die Piste schlängelte sich die Hänge der Berge hinauf, vorbei an Wiesen, auf denen Schafe und Ziegen grasten und ihre Schäfer im Schatten der Bäume lagen und dösten.

    Der Himmel war tief blau, nur durchzogen von ein paar Wolken.

    So erklommen wir die Berge, die Höhenmesseranzeige des GPS kletterte immer höher, fiel wieder ein paar hundert Meter ab und stieg wieder an.

    Gegen Nachmittag fingen wir an, nach einem Übernachtungsplatz zu suchen und wurden eine gute halbe Stunde später auch fündig.

    Eine Wiese an einem kleinen Gebirgsbach sollte unser Camp werden. Das Wasser des Baches war so klar, das man jeden Stein im Flussbett erkennen konnte, aber auch genau so kalt.

    Da überall bereits geschlagenes Holz herum lag, das den Holzfällern aber wohl zu dünn für den Winter erschien, für uns aber optimal war, entschieden wir uns, nochmal den Feuertopf zu reaktivieren und ein Gulasch zu kochen. Mit vollen Bäuchen und zufrieden ließen wir den Tag bei einem knisternden Lagerfeuer ausklingen.

    Am nächsten Morgen beim Frühstück blickte ich so auf den Bach. Ich dachte mir, eigentlich gehörte es zu so einem Trip, einmal in einem glasklaren Gebirgsbach zu baden. Gedacht, getan…

    Im Nachhinein muss ich gestehen, dass das Wasser schon brutal kalt war, und die ausgiebige Dusche eher zur Katzenwäsche zusammen schrumpfte. Aber es war auf jeden Fall erfrischend! Wer es mal probieren möchte, hier sind die Koordinaten:

    N40.19593, O19.77633

    Flussdurchfahrten

    Der nächste Tag begann mit einer Flussdurchfahrt. Hört sich schlimmer an, als es war, denn der „Fluss“ war ein steiniges, vielleicht 20 Meter breites Bett, das durchzogen war von vereinzelten kleinen Bächen. Eher nicht so die harte Nummer, wie man sie von National Geographic kennt, in denen die Autos bis zu den Fenstern im Wasser verschwinden und triefend am anderen Ufer wieder heraus fahren.

    War uns aber auch lieber so, wenn ich ehrlich bin.

    Über diverse Pisten, manche breite Wege, auf denen zwei Fahrzeuge problemlos an einander vorbei kommen und ausgetretene Ziegenpfade kamen wir unserem Ziel immer näher: Berat.

    Auf unserem GPS tauchte ein weiterer Fluss auf, den wir kreuzen mussten, wir machten uns aber keine Sorgen, es hatte an diesem Tag ja schon einmal geklappt.

    Aber als wir die Straße aus den Bergen nehmend ins Tal kamen, konnten wir schon erkennen, dass es diesmal nicht so einfach werden würde. Das Flussbett war bestimmt 50 Meter breit und ein Strom von ungefähr 15 Metern floss in seiner Mitte. Dieser war bestimmt 2-3 Meter tief, also keine Chance ihn zu passieren.

    Wir starteten die Drohne, vielleicht würden wir ja aus der Luft eine seichte Stelle finden, die wir durchfahren könnten.

    Aber weder Flussauf- noch Flussabwärts gab es eine geeignete Stelle, die wir hätten kreuzen können.

    So blieb uns nur, die Nacht am Ufer des Flusses zu verbringen und am nächsten Morgen die Brücke zu nehmen, was uns einen Umweg von zwei Stunden kosten würde.

    Aber was nicht ist, ist nicht.

    Pleiten, Pech und Pannen

    Der nächste Tag ging nicht als der beste in die Analen unserer Geschichte ein, denn wir hatten überwiegend Pech.

    Erst fanden wir den richtigen Weg zu der Brücke nicht und kreuzten wild durch das albanische Hinterland, über Wege, die wahrscheinlich noch nie ein Auto zuvor gesehen hat.

    Dann suchten wir am Nachmittag vergeblich lange nach einem Schlafplatz für die Nacht und als wir dann endlich einen gefunden hatten, war die Zufahrt von der Straße so hoch, dass ich aufsetzte und uns den gesamten Unterfahrschutz für den Tank abgerissen hatte.

    Und zu guter Letzt begann es am Abend noch an zu regnen und hörte nicht auf bis zum nächsten Morgen, was uns zu neuen Problemen brachte, aber dazu später mehr.

    Erstmal lag ich den halben Abend unter dem Auto und operierte die verbogenen Halterungen des Schutzbleches aus dem Rahmen unseres Hilux. Leider war der Unterfahrschutz nicht mehr zu retten. Es war alles verbogen und die meisten Halter einfach abgebrochen oder dermaßen verzogen, dass sie nicht mehr reparabel waren.

    Da wir aber keine Verschwender sind, dient der Unterfahrschutz jetzt dem nächsten Fahrzeug als Auffahrhilfe an der Zufahrt, damit sich ein Desaster wie bei uns nicht nochmal wiederholt.

    Apropos Desaster, das ereilte uns am nächsten Morgen, nachdem wir wieder unterwegs waren.

    Wir passierten ein kleines Dorf, dessen Straßen das Wort Asphalt noch nie gehört hatten. Entweder sie bestanden aus Schotter oder waren das, was man sich so unter einem Waldweg vorstellt. Vom Regen aufgeweichter Lehm mit einem Streifen Gras in der Mitte.

    Wir zockelten also in Schrittgeschwindigkeit durch das Dorf, da die Häuser so dicht standen, dass wenn ich den Ellbogen aus dem Fenster gehalten hätte, irgendjemand beim Kaffeetrinken im Wohnzimmer die Tasse aus der Hand geschlagen hätte. Die Stromleitungen hingen so tief, dass Sarah aussteigen musste, um sie anzuheben, damit wir mit unserem Auto darunter durchkamen, ansonsten hätten wir noch die komplette Stromversorgung des Dorfes lahmgelegt.

    Wir bogen um eine Ecke, die Straße führte an einer Weide vorbei.

    Man merkte schon, wie das Auto, obwohl ich nach rechts lenkte, immer mehr nach links driftete.

    Die Reifen waren so mit Lehm verklebt, dass wir null Traktion mehr hatten. Und wir kamen dem Rand der Weide, die vielleicht zwei Meter unterhalb des Weges lag, bedenklich näher.

    Eigentlich hätten wir zu diesem Zeitpunkt schon den Rückzug antreten sollen, aber wir kämpften uns weiter. Bis ein Hügel von vielleicht 1,5 Metern unseren Vormarsch stoppte. Den kamen wir einfach nicht rauf.

    Also den ganzen Weg im Rückwärtsgang zurück. Die vielleicht 500 Meter Strecke kosteten uns fast eine Stunde, da Sarah immer vor gehen musste, mich einweisen und ich das Auto Zentimeter um Zentimeter rückwärts rangieren musste, bis wir wieder auf der Hauptstraße standen.

    Lehm und Gras hingen vom Unterboden und das Auto sah aus, als hätte wir gerade eine Waldetappe der WRC hinter uns. Von der grauen Lackierung war nichts mehr zu erkennen.

    Uns raste der Puls und die Knie zitterten von der Anspannung, wir waren heil froh, wieder festen Boden unter den Schuhen, bzw. Rädern zu haben.

    Somit gaben wir das Unterfangen auf und nahmen die asphaltierte Überlandstraße Richtung Berat, was ein Umweg von ca. 50 Kilometern war.

    Zumindest war das unser Plan.

    Gastfreundschaft

    Denn kurz nachdem wir das Dorf verlassen hatten, überholte uns ein silberner Audi 100. Über der gesamten Seite stand in großen Buchstaben TV Apollo.

    Der Audi verschwand hinter der nächsten Kurve.

    Als wir um die Kurve kamen, stand der Fahrer mitten auf der Straße und sein Auto quer zur Fahrtrichtung. Er gab uns Zeichen anzuhalten.

    Was würde jetzt wohl kommen…

    Der Fahrer, ein älter Mann, sprach außer albanisch nichts anderes. Mit Händen und Füßen fragte er uns, wo wir hin wollten und ebenso erläuterten wir, dass wir nach Berat wollten. Wir sollten ihm folgen…

    Er prügelte seinen armen alten Audi über die mit Schlaglöchern übersäte Straße dass wir kaum folgen konnten. Weißer Qualm kam aus dem Auspuff und ich fragte mich, was wohl von seiner Zylinderkopfdichtung noch übrig war.

    Nach ein paar Kilometern gaben wir Zeichen anzuhalten.

    Wir fragten ihn, ob er uns bis Berat begleiten wolle und er meinte schon fast entgeistert „Natürlich“!

    Das brauche er aber nicht, wir hätten Navigation an Bord.

    Ach so, alles klar, er wäre jetzt mitgekommen dass wir den Weg nicht suchen müssten, aber so gänge es auch…

    Der Audi rauschte davon, wir amüsierten uns noch ein wenig über die Situation und die unbändige Hilfsbereitschaft der Menschen in diesem Land und fuhren dann gemächlich weiter.

    Aber hinter einer Kurve stand der Audi wieder quer auf er Straße und der Fahrer gab uns Zeichen anzuhalten.

    Einen Kaffee müssten wir noch mit ihm trinken!

    Was sich wohl wie eine Einladung anhören sollte, war eher ein Befehl und es gab nicht die geringste Möglichkeit auf Ablehnung.

    Also parkten wir vor einem Kaffeehaus und traten gemeinsam ein. Zwei Espresso und ein Cappuccino. Ach ja, und zwei Raki für die Männer, es war ja schon kurz nach Elf am Morgen, da ging das ja schon mal.

    So tranken wir Kaffee mit einem Wildfremden und unterhielten uns teils mit Zeichen, teils mit Google Translator (was er ausgesprochen amüsant fand!). Es versteht sich von selbst, dass wir keinen Cent bezahlten!

    Aber als Dank machten wir ein paar Fotos zusammen, druckten sie mit unserem mobilen Drucker aus und schenkten sie dem Mann.

    Der freute sich tierisch über die Geste und zwang uns noch schnell seine Telefonnummer auf. Ich speicherte ihn ein unter „Typ aus den Bergen“.

    Wir bedankten uns vielmals und verabschiedeten uns. Er fuhr uns aber noch bis zum Ortsausgang hinterher, dass wir ja auch die richtige Richtung einschlagen würden.

    Mit lautem Hupen blieb er am Ortsausgangsschild stehen und verschwand irgendwann aus dem Rückspiegel.

    Nach diesem schönen aber auch skurrilen Erlebnis setzten wir unseren Weg nach Berat fort, dass wir dann auch am frühen Nachmittag erreichten.

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