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Guatemala 1

Busfahrt des Grauens

Auf Caye Caulker sprach uns ein deutsches Paar an, ob wir ein Bild von den beiden vor dem Weihnachtsbaum machen könnten, der am Fähranleger aufgebaut war. Manuel und Lina hatten das gleiche Angebot wie wir angenommen und somit hatten wir den selben Weg bis Flores, Guatemala.

Wir verstanden uns auf Anhieb und zusammen reist es sich bekanntlich schöner!

So stiegen wir gemeinsam aus der Fähre und teilten uns eine Reihe im Bus, der uns innerhalb von gut vier Stunden nach Flores bringen sollte.

Dass der guatemaltekische Standard deutlich unter dem mexikanischen liegt, merkten wir wir, als wir den Bus bestiegen und uns auf die total durchgesessenen Sitze fallen ließen. Die Rückenlehnen ließen sich nicht mehr verstellen und es tropfte Wasser aus der Klimaanlage von der Decke…

Als alle an Bord waren fuhr der Bus los. Als wir Belize-City verließen, merkten wir auch an der Fahrweise, dass es nicht mehr ganz der Erste-Klasse-Fahrstil aus Mexiko war, den der Fahrer an den Tag legte. Mit „Pedal-to-the-.Metal“ donnerten wir über die zweispurige Landstraße. Wir merkten eine deutliche Schlagseite, schoben es aber auf die Straßenverhältnisse. Bis der Bus auf einmal an den Straßenrand fuhr, anhielt und der Fahrer ausstieg. Es wurden die Staufächer geöffnet, Werkzeug ausgepackt und der Fahrer verschwand unter dem Bus. Für eine knappe Stunde…

Mich überkam die Neugierde und ich verließ auch den Bus, um zu schauen, was denn da so mit unserem Fortbewegungsmittel los sei.

Als ich an der hinteren Achse ankam, war der Fahrer gerade damit beschäftigt, sich die Hände mit einem Lappen zu reinigen, er nahm dankbar das Wasser an, das ich ihm reichte.

Er habe nur schnell den Stoßdämpfer tauschen müssen, der alte hätte ein Loch gehabt, wahrscheinlich unterwegs geplatzt…

Okay…

Nachdem das Werkzeug verstaut war und der alte Dämpfer seinen Platz bei einem zerfetzten Reifen und zwei Wagenhebern im Bauch des Busses gefunden hatte, konnte unsere Fahrt weitergehen.

Wir ahnten nicht, dass es die schlimmste Fahrt unseres Lebens werden sollte…

Wir, bzw. eher ich lieben jede Art der motorisierten Fortbewegung, egal ob zu Wasser, zu Land oder in der Luft. Es gibt für mich nichts schöneres, alle möglichen Gefährte auszuprobieren, Hauptsache es hat einen Motor und bringt dich von A nach B.

Aber was wir in diesem Bus erlebten, trieb uns nicht nur den Angstschweiß auf die Stirn, wir standen Todesängste aus.

Ich weiß nicht, ob der Fahrer die verlorene Zeit wieder reinholen wollte oder ob es sein gewohnter Fahrstil war, wir fuhren nahe der Schallgrenze über eine schlaglochübersäte Landstraße, drifteten fast durch die engen Kurven und wenn wir dachten, jetzt müsse doch mal alles aus der Maschine unseres 18-Tonnen-Busses rausgeholt sein, drückte der Fahrer erneut aufs Gas und der Bus beschleunigte abermals.

Alle saßen kreidebleich auf ihrem Sitz, niemand sprach ein Wort und jeder betete wohl insgeheim, dass er diesen Höllenritt sicher überstehen möge.

Irgendwann wurden wir langsamer und der Bus hielt an… Wieder ein Stoßdämpfer kaputt? Nein, wir waren an der Guatemaltekischen Grenze.

Der Fahrer ließ uns raus, wir ließen unsere Pässe stempeln und auf der anderen Seite der Grenze sammelte er uns wieder ein. So einen einfachen Grenzübertritt hätten wir uns in Afrika auch mal gewünscht.

Danach ging aber die Höllenfahrt weiter, diesmal aber auf noch schlechteren, noch unebeneren und kurvigeren Strecken…

Jeder im Bus, und Gott ist mein Zeuge, machte drei Kreuze, als wir endlich Santa Elena erreichten, der Stadt vor Flores.

Man ließ uns am Hauptbusbahnhof aussteigen und man konnte in jedem einzelnen Gesicht sehen, das sich jeder am Liebsten auf den Boden geworfen hätte um den Asphalt zu küssen. Leider war dafür keine Zeit, denn wir wurden sofort in einen kleineren Bus umgeladen, der uns (kostenlos!) die letzten zwei Kilometer auf die Insel fahren sollte.

Im Bus verstanden wir auch die Taktik hinter der Aktion. Der Bus gehörte zu einem Reiseveranstalter, der sowohl Trips als auch Busshuttles organisiert und so natürlich gleich mal Werbung für sich fuhr!

Aber egal, wir kamen kostenlos nach Flores, der Typ war sympathisch und die Tranfers brauchten wir sowieso, warum also dann nicht zu ihm gehen?!

Flores

Flores ist eine Insel im Lago de Petèn mit einer Ausdehnung von 500 mal 500 Meter, nur verbunden über eine Brücke, die auch schon bessere Tage erlebt hat. Wahrscheinlich war dass der Grund, warum keine großen Busse oder LKW auf die Insel fahren.

Die Stadt ist durchzogen von etlichen kleinen Straßen und Gassen, die Häuser lehnen sich fast schon an die nächstgelegenen und man hat das Gefühl, durch Venedig zu laufen. Nur das das Wasser nicht hindurch fließt.

Und wie Venedig auch ist Flores bis auf den letzten Quadratzentimeter bebaut. Aber der Flair ist sagenhaft und es machte wirklich Spaß, durch die engen Gässchen zu schlendern und den Sonnenuntergang über dem See zu genießen.

Unser Hotel war eher mittelmäßig… naja, sagen wir schlecht… okay, es war wirklich scheiße!

Deswegen wollten wir so wenig wie möglich Zeit im Zimmer verbringen und der Hunger zog uns raus auf die Straße, wiedermal auf einen Nachtmarkt, der sich auf der Brücke zur Stadt befand und auf dem sagenhaftes einheimisches Essen angeboten wurde.

Alles dort kostete 50 Cent und so kam es, dass wir uns für umgerechnet fünf Euro die Bäuche vollgeschlagen haben. Für alle, inklusive Getränken!

Am nächsten Tag besuchten wir Manuel von der Agentur, die uns am Tag zuvor auf die Insel gefahren hatte. Wir buchten mit Manuel (der andere Manuel) und Lina zusammen für den nächsten Tag einen Sundowner-Trip nach Tikal und für unsere weitere Reise ein paar Shuttle-Verbindungen. Manuel (also der von der Agentur) erwies sich als gigantischer Glücksfall, denn ich habe seltener einen fähigeren Koordinator gesehen wie ihn. Wir tauschten Telefonnummern aus, damit wir uns über Whatsapp schreiben konnten. Darüber würde auch in Zukunft alles laufen. Da wir keine fixen Termine für die einzelnen Routen hatten, sollten wir ihm einen Tag vor der geplanten Abfahrt schreiben und er würde alles für uns in die Wege leiten… Zu diesem Zeitpunkt war ich ehrlich gesagt etwas skeptisch, ob das alles so hinhauen würde, aber wir würden ja sehen.

Tikal

Die Abfahrt nach Tikal war um 12 Uhr, bis alle im Bus waren, dieser nach mehrmaligem Juckeln ansprang und wir loskamen, war es dann aber fast 13 Uhr.

Weit kamen wir auch nicht, denn an der zweiten Kreuzung würgte der Fahrer den Motor ab und bekam ihn nicht mehr an. So standen wir mitten auf der Kreuzung, ein Hupkonzert begann und der Fahrer rief durch, er würde drei starke Männer brauchen, um den Bus anzuschieben…

So stieg ich mit zwei anderen Jungs aus, nicht dass ich stark wäre, ich saß nur als ersten an der Tür, und wir schoben zusammen den Bus rückwärts. Mit einem lauten Röhren und viel schwarzem Rauch erwachte der Motor erneut zum Leben und die Fahrt konnte weiter gehen.

Nach einer guten Stunde erreichten wir die Maya-Ruinenstadt Tikal, die mitten im Dschungel Guatemalas liegt. Unmenschliche Schwüle drang in den Bus, als sich die Türen öffneten und man war geschwitzt, noch bevor man seinen Rucksack aufgezogen hatte.

Zu unserer Tour gehörte auch ein Führer. Antonio, ein Herr älteren Baujahres spricht sieben Sprachen, davon vier akzentfrei und war die Sympathie in Person. Ein Mensch, den man einfach gern haben muss!

Er brachte uns auf direktem Weg in die Mayastadt, erklärte uns die Geschichte zu jeder Pyramide, zeigte uns Brüllaffen, Taranteln und sonstiges Getiers, das sich in diesem Urwald so tummelt und die Zeit verging wie im Flug in seiner Anwesenheit.

Da Tikal im Gegensatz zu anderen Maya-Stätten, die wir besucht hatten, riesig ist und wirklich mitten im Dschungel liegt, hat man kaum eine Chance, alle Gebäude an einem Tag zu sehen. Aber Antonio wusste genau, wo die Highlights liegen und führte uns zielstrebig durch den dichten Wald. Im ganzen Leben hätten wir nicht mehr heraus gefunden, hätten wir den Anschluss an die Gruppe verloren, so dicht und undurchdringlich war das Dickicht. Höhepunkt der Tour war der Sundowner von der höchsten Pyramide in Tikal, wo wir dann auch punktgenau zum Sonnenuntergang ankamen. Der Schweiß tropfte allen von der Nase, es gab niemanden, bei dem die Kleidung keine dunkle Farbe angenommen hatte. Aber jeder quälte sich auf die letzte Pyramide, um sich die untergehende Sonne über dem Urwald anzusehen. Alle bis auf meine Tochter und mich… und natürlich Antonio, der war wahrscheinlich schon 1200 Mal oben.

Wir blieben schön unten, Sonnenuntergänge hatte ich genug gesehen und Elisabeth und ich waren schon auf zwei anderen Pyramiden, da brauchten wir diese nicht auch noch.

Der Weg zum Parkausgang war wieder ein Abenteuer, es war nämlich stockdunkel und irgendwie hatte man uns vergessen zu sagen, dass man eine Stirnlampe mitnehmen sollte. Aber am Schluss tat es eine Handytaschenlampe auch und jeder schaffte den Weg zurück zum Bus, in dem wir uns schweißgebaden und stinkend in die Sitze fallen ließen.

Ich untertreibe nicht, wenn ich sage, dass Tikal die beste Maya-Stätte ist, die wir auf unserer Reise besucht hatten. Wir waren absolut überwältigt und es war ein gigantisches Erlebnis. Alleine die Tatsache, dass man durch undurchdringlichen Dschungel rennt und plötzlich eine 70-Meter-Pyramide neben einem aus dem Nichts auftaucht, ist so phänomenal, dass ich kurz überlegte, ob ich am nächsten Tag nicht nochmal hin fahren sollte.

Für mich war es ein absolutes, unvergessliches Highlight, wenn nicht das Highlight dieser Reise!

Zurück in Flores genossen wir den Abend in unserem schäbigen Hotel und bereiteten uns auf den ersten Überlandtransfer in Guatemala vor. Ein Toyota Hiace sollte uns ins 260 km entfernte Cobàn bringen.

Aufgrund der Streckenverhältnisse würde die Reise über fünf Stunden dauern. Uns bangte etwas davor, aber die Zweifel zerschlugen sich relativ schnell, als wir erfuhren, dass wir nur zu viert die Fahrt antreten würden. Somit hatte jeder eine Sitzreihe für sich alleine!

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