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Tag 5 – Delhi (25.02.2016)

Wiedermal holte uns der Wecker aus unseren Träumen, doch diesmal um halb 7 Uhr morgens. Unsere Alte-Leute-Kaffeefahrt-Touristen-Tour stand an und wir packten schon mal unser Zeug für den abendlichen Heimflug. Wir hatten abgeklärt, dass wir unser Gepäck an der Rezeption ablegen und es abends, nach unserer Tour, wieder holen konnten.

Wir gingen zum Frühstück und Tim bestellte diesmal ein Menü, das nicht inklusive unserer Frühstückspauschale war. Weder hatte Tim Lust auf Toast mit Butter, noch Toast mit Marmelade, noch Toast pur oder das undefinierbare indische Frühstück.

Also bestellte er Crepes mit Nutella und Banane für 50 Rupien mehr und dachte, er zahle die Differenz einfach drauf. Aber Pustekuchen. Der Kellner nahm freundlich lächelnd und nickend die Bestellung auf. Doch es trat wiedermal das typisch indische Problem auf. Nämlich, dass die Leute nicken, aber nicht das geringste verstanden haben, was du eigentlich von ihnen willst… Somit zahlte Tim das Frühstück halt eben ganz. Aber ein Pfannkuchen mit Bananen und Nutella für 2 Euro konnten wir noch verschmerzen.

Nach dem Frühstück packten wir also unser restliches Zeug zusammen und parkten es an der Rezeption.
Wir checkten schon mal aus und machten uns auf den Weg zu unserer Alte-Leute-Kaffeefahrt-Touristen-Bustour. Wir fuhren wieder eine Station mit der Metro und wie jedesmal wenn man eine Haltestelle oder einen Bahnhof verlässt, wurden wir prompt von irgendwelchen TukTuk- oder Taxifahrern überfallen. Mittlerweile hatten wir den Dreh raus, sowohl wohin wir wollten, als auch wie man solche aufdringlichen Nervensägen schnellstmöglich wieder los wird. Diese Technik wird von den Einheimischen immer angewandt, am Anfang kam es uns ein bisschen respektlos vor, aber es funktioniert zu 100%: Einfach mit „NO“ antworten, die Nervensäge dabei anschauen und gleichzeitig die Hand mit einer Abwehrbewegung (wie wenn man eine Fliege verscheucht) in ihre Richtung wedeln und dann demonstrativ in die andere Richtung schauen. Maximal fünf Sekunden, dann ist man sie los! Und das macht man dann auf einem Weg von 500 Metern mindestens 25 Mal! Wir verfeinern unsere Technik immer weiter und versuchen noch in diesem Urlaub die 2 Sekundenmarke zu knacken! Genauso haben wir uns von den Einheimischen abgeschaut, wie man eine Straße mit offiziell drei Spuren in jede Richtung überquert, ohne eine Ampel zu benutzen (wenn es denn eine gibt, dann eh nur zur Zierde): Die Hauptsache ist, dass man zuallererst nur an sich selbst denkt. Beherzt tritt man auf die Straße und schaut nur nach vorne bzw. in den kommenden Verkehr. Man darf nur niemals stehen bleiben oder gar zurückgehen, sonst sitzt man fest! Auf wundersame Weise schlängelt sich der Verkehr an einem vorbei bzw. um einen herum! Nur im äußersten Notfall darf man kurz langsamer werden wenn sich ein bis zum Achsbruch überladener Pick-Up mit 80 Sachen die Vorfahrt einfach nimmt. Aber nur dann! Es ist schon ein komisches Gefühl mit einem Abstand von vielleicht 15 cm zwischen einem LKW und einem Bus zu stehen, aber wir sind immer heil auf der anderen Seite angekommen. Irgendwie…

Auf jeden Fall kamen wir pünktlich, unbeschadet und ohne irgendwelchen Nippes gekauft zu haben (und das ist nicht so einfach, wenn man Tim zum Mann hat ;)) am Abfahrtspunkt an. Unerwarteterweise war nur noch ein Weißer (Amerikaner) dabei, der Rest waren Inder.

In einer Gruppe von ca. 10 Leuten fuhren wir das erste Ziel auf unserem Plan an. Eine halbe Stunde hatten wir Zeit und keine Minute länger. Wenn wir nicht pünktlich am Bus sind, fährt dieser ohne uns ab erzählte uns unsere Reiseleiterin. Das von einer Inderin zu hören klang ein bisschen nach Hohn.

Nirgendwo haben wir bisher soviel Bürokratie erlebt wie in Indien. Selbst Deutschland ist ein Witz dagegen. Die Bürokratie wird dann noch damit gepaart, dass die Uhren in Indien so langsam laufen wie in kaum einem anderen Land!

IMG_1888In einem Land, in dem auf einer Baustelle sich zwei Leute eine Schaufel teilen, die sechs von acht Arbeitsstunden in der Erde steckt und der Schatten doch der bevorzugte Aufenthaltsort ist. Wir haben auf der ganzen Baustelle des Taj Mahal (drei von vier Türmen sind in Gerüste gehüllt) gerade mal 2 Arbeiter gesehen. Einen im Schatten, der andere auf dem Gerüst… im Schatten einer Plane… Wir sprechen ja nicht von dem bekanntesten Bauwerk der Welt, das vielleicht so schnell wie möglich fertig werden sollte… Woher denn!!!

Und in so einem Land bekommt man gesagt, man soll pünktlich am Bus sein!

Eine halbe Stunde später waren aber alle am Bus und wir fuhren geschlossen weiter. Wir hakten die verschiedenen Punkte auf unserer Tour ab und kurz vor dem Mittagessen wurden wir dann doch noch in einen indischen Souvenirladen geschleift. „Where are you from?“ „Germany“ „Ahh, nice country. Germans always like to buy carpets“! Nein, wir wollten keine Teppiche kaufen und auch sonst nix! Wir machten uns schnell aus dem Staub und überließen die Einheimischen den Verkäufern. Für die war jedoch kein guter Tag. Nur eine Frau aus unserer Gruppe kaufte einen Schal.

Wir fuhren zum Mittagessen und hatten gerade so viel Zeit, dass wir uns eine Kleinigkeit reindrücken konnten, bevor der Trip weiter ging.

Nach dem Essen blieben wir als Gruppe zusammen, da alle auch die Nachmittagstour gebucht hatten, jedoch stieg noch eine junge Frau zu, die hatte NUR den Nachmittagstour gebucht.

Auf die Minute pünktlich fuhr der Bus vom Hof!

IMG_2398Als erster Halt am Nachmittag stand das Rote Fort an. Wir wollten allerdings nicht rein. Erstens haben wir schon das in Agra gesehen und waren da ziemlich enttäuscht und zweitens steht auch im Reiseführer, dass das Fort von außen imposanter ist als von innen.

Also flunkerten wir unsere Reiseleiterin an, wir seien schon vor zwei Tagen drin gewesen und baten sie, dass wir in der Zeit was anderes machen dürften. Kein Problem! Gegenüber ist ein Markt, da könnten wir uns die Zeit vertreiben. Aber bloß pünktlich zurück sein, sonst fährt der Bus ohne uns… Ja ja, wir wissen schon…

Wir gingen also in Richtung Markt. Natürlich hatten wir sofort wieder irgendwelche Händler und TukTuk-Fahrer an der Backe, aber alles kein Problem. Und auch auf der anderen Straßenseite kamen wir unbeschadet an, was hier wirklich nicht einfach war, da die Hölle los war und die Straße zwei Spuren mehr hatte! Man muss dazu noch bedenken, dass in Indien Linksverkehr herrscht. Nicht nur dass man so fährt, nein auch als Fußgänger muss man daran denken und erst nach Rechts schauen und nicht wie in Deutschland nach Links. Sonst ist mal ganz schnell der Fuß platt oder das Leben zieht eine Sekunde lang vor dem inneren Auge vorbei, bevor man im nächsten Nippesstand einschlägt.

IMG_2326Der Markt von Old Delhi ist das verrückteste und unglaublichste Erlebnis der bisherigen Reise. Wir dachten unsere Bazar Road vor der Hoteltür sei schon verworren und unübersichtlich, aber das hier stellt alles in den Schatten!

Es war ein Gefühlt als wenn man von einer pulsierenden sich in alle Richtungen bewegenden Masse verschluckt würde. Man wird durch die engen Gassen und verwinkelten Hinterhöfe gedrückt, irgendwo auf einer breiteren Verbindungsstraße wieder ausgespuckt, um dann gleich wieder im Getümmel zu verwinden. Überall wird alles mögliche angeboten, ob es lebt oder mal gelebt hat, ob Elektronik oder Tee, ob Wasser oder Smartphones, alles wird hier feilgeboten und verschachert.

IMG_2346Die Gassen sind alle düster, denn über den Köpfen scheinen die verwinkelten, zusammengezimmerten Häuser sich einem entgegen zulehnen. Die abertausenden Stromkabel, die ein Durcheinander bilden, dass jedem westlichen TÜVler sofort einen Herzinfarkt beschert hätte, verbinden alles miteinander und nehmen das kümmerlich verbleibende Sonnenlicht. Alles liegt im halbdunkel. Offene Transformatoren auf halb umgeknickten Strommasten, überall Müll, überall Menschen, die irgendwelche Waren auf allen möglichen Verkehrsmitteln transportieren, alles läuft durcheinander, dazwischen noch Motorroller, die sich ihren Weg zwischen all den Leuten bahnen… Es gibt keinen faszinierenderen Ort auf Erden! Hier könnte man Tage verbringen, ohne jemals alles gesehen zu haben. Man musste nur aufpassen, dass man den Weg nach draußen wieder fand…

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IMG_2410Wir waren aber pünktlich am vereinbarten Treffpunkt und fuhren weiter zu der Stelle, an dem Gandhi eingeäschert wurde. Auch da hatten wir eine genaue Zeitvorgabe. 20 Minuten ansonsten… Ja ja ja, wir wissen es…

Auch hier waren wir natürlich wieder pünktlich, wir sind ja gute Deutsche!

Wir fuhren weiter zum letzten Punkt unserer Tour. Kurz bevor wir dort ankamen sagte Tim zu mir, dass jemand fehle. Die junge Frau, die erst zur Nachmittagstour eingestiegen war, war weg! Kurz darauf bekam unsere Reiseleiterin einen Anruf… Als sie aufgelegt hatte, sagte sie zu uns: „Oops, we lost a tourist“ Tja, wer zu spät am Bus ist…

Irgendwie haben sie sie aber doch noch aufgegabelt und so konnten wir geschlossen zurück zum Ausgangspunkt fahren.

Wir verabschiedeten uns und fuhren mit einem TukTuk zum Hotel.Wir wollten den Verkehrsirrsinn ein letztes Mal mit der Actioncam aufnehmen. Leider war die Fahrt gar nicht so halsbrecherisch wie die Fahrten davor. Oder wir hatten uns schon an den Fahrstil gewöhnt. Wir kamen auf jeden Fall gut und halbwegs sicher im Hotel an.

Wir waren klitschnass durchgeschwitzt von der Tour und der gigantischen Klimaanlage im Bus (heute war der wärmste Tag über 30 Grad), aber wir hatten ja schon ausgecheckt und somit auch kein Zimmer. Aber, was noch viel schlimmer war, keine Dusche mehr…

Man sah uns unser feuchtes Problem anscheinend an, denn wir mussten nicht einmal betteln und uns wurde zum duschen nochmal ein Zimmer zur Verfügung gestellt. So verschwitzt hätte ich mich auch nicht in die Business Class getraut.

IMG_2104IMG_2115Nach der Dusche drehten wir noch eine Runde über den Bazar vor der Haustür. Mehr aus Langeweile als aus Lust, denn wir hatten noch viel zu viel Zeit, bis wir am Flughafen sein mussten. Wir waren jetzt jeden Tag hier, fast kam das Gefühl von Vertrautheit auf, man traf den Nippesverkäufer vom Vortag, mit dem man rumgehandelt hatte und lachte sich an. Auch die bettelnde Frau mit dem überteuerten Reis war wieder da. Sie sah aber satt aus, also schien sie einen Idioten gefunden zu haben, der ihr ihren Reis gekauft hat. Was sie aber nicht davon abhielt, Tim auf seine verpasste Ausgabe von gestern aufmerksam zu machen und wieder lauthals rumzumosern, warum es heute wieder nichts gab…

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DSC_0354Wir machten noch schnell bei einem Straßenimbiss halt und aßen eine Kleinigkeit, trödelten noch ein wenig rum, tranken einen letzten Tee und machten uns dann auf den Weg zurück zum Hotel um unser Gepäck zu holen.

 

 

Wir zeigten uns noch erkenntlich für den Gefallen mit der Dusche und gingen dann zum Hauptbahnhof, der gerademal fünf Minuten zu Fuß entfernt lag. Wir wollten mit der Express Metro an den Flughafen fahren.

Als wir die Gleise des Bahnhofs überquerten, um zur Metro zu gelangen, fuhr gerade ein Zug ein. Wir beobachteten ein bisschen das Treiben und plötzlich fingen die Leute an zu drängeln und sich zu schubsen. Der Zugteil, der die unreservierten Plätze, also die billigsten der billigen Plätze beinhaltet, stand genau unter uns. Die Leute prügelten sich um dort rein zu kommen, kaum dass der Zug gehalten hatte. Sie sprangen auf und quetschten sich durch die Fenster. Als dann die Zugtür geöffnet wurde brach die Hölle los, es gab kein Halten mehr. Alle schoben, drückten und quetschten sich durch die kleinen Türen, diejenigen, die aussteigen wollten, hatten keine Chance. Irgendwie schafften es aber alle mehr oder weniger unverletzt in den Waggon, man sah nur irgendwo noch einen Arm oder vielleicht mal einen Kinderkopf herausschauen.

Auf eine absurde Art und Weise bedauerten wir wirklich, dass wir jetzt schon wieder heim mussten, so langsam hatten wir uns hier an alles gewöhnt und ein klein bisschen werden wir das Chaos auch vermissen…

Wir beobachteten das Geschehen noch eine Weile und gingen dann weiter zur Metro. Die neue Metro führt in 25 Minuten ganz bequem direkt zum Flughafen. Dort angekommen checkten wir ein und begaben uns zu unserem Gate. Aber erstmal mussten wir an der Sicherheitskontrolle unseren ganzen Kamera-Rucksack auspacken und in Einzelteile zerlegen. Die Inder nahmen es auf die letzten Stunden noch einmal ganz genau! Aber egal, wir hatten ja genug Zeit.

Als wir an unserem Gate ankamen, fragten wir uns, wo denn nun die Business Lounge sei. Wenn wir schon mal Business Class fliegen, dass müssen wir das auch komplett ausnutzen. Der nette Herr am Schalter hat uns auf jeden Fall gesagt, es gäbe hier eine (nachdem wir beim Check In vor anderen vorgezogen wurden, weil wir ja ein Business Class Tickets hatten, irgendwie ist das geil!).

Wir fragten einen von diesen Caddyfahrern, die ältere oder behinderte Menschen über den Flughafen fahren, wo denn nun die Lounge sei. Oh, da waren wir ganz am falschen Ende. Die Lounge befindet sich zentral ganz am Anfang. OH NEIN!!! Wieder alles zurück laufen (was man vielleicht erwähnen sollte war die Tatsache, dass obwohl der Airport Delhi nicht gerade die Dimensionen von Frankfurt hat wir trotzdem fast 15 Minuten zu unserem Gate gebraucht haben)!!! Nein nein, wir sollen doch mit ihm fahren, er wollte eh in die Richtung! Das war echt krass, so wichtig haben wir uns noch nie gefühlt! Er setzte uns an der Lounge ab und wir gingen rein und ließen den Urlaub bei ein paar Drinks und Snacks ausklingen.

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