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Nicaragua 2

Granada

Am nächsten Morgen gingen wir dann mit einem wenig mulmigem Gefühl im Bauch zur Busstation, um uns einen Transfer nach Leòn zu besorgen.

Nach unseren eher doch miesen Erfahrungen in Rivas funktionierten die Verhandlungen hier erstaunlich einfach. Wir mussten bloß einen dritten Sitzplatz bezahlen, der dann für unser Gepäck diente, was absolut in Ordnung ist. Gerade auch, weil uns das Ganze pro Platz 33 Cordoba, also 90 Eurocent gekostet hat.

Die Fahrt bis Managua dauerte zwei Stunden und war für uns die reinste Hölle. Nicht dass wir im Bus stehen mussten, trotz bezahlten Sitzen… Nein, weit gefehlt, gerade das Sitzen war das Schlimme. Die Abstände zwischen den Sitzreihen war so gering, dass wir mit angezogenen Knien auf unseren Plätzen saßen, während die kleinen Nicaraguaner bestimmt noch zehn Zentimeter Platz zum Vordersitz hatten.

Logischerweise ist in einem Land, in dem die Durchschnittsgröße bei knappen 1,60 Meter liegt, alles auf derart kleine Personen ausgelegt. Das wurde uns schon in diversen Unterkünften zum Verhängnis, denn häufig hängen die Spiegel in den Bädern auf genau dieser Höhe.

Wenn dann jemand wie ich sich mal rasieren muss, sieht man oft nur seinen Bauchnabel… Positiv an der Sache ist anzumerken, dass man sein Gehirn jedes Mal aufs neue anstrengt, um immer wieder neue Taktiken zu entwickeln um dieses Problem zu beheben. Aber ich schweife ab…

Wir saßen also zwei Stunden in diesem Bus und als wir Managua erreichten, konnten wir kaum aussteigen, so taten uns die Knie weh. Den restlichen Weg bis Leòn legten wir dann in einem Toyota Hiace – sogar mit Klimaanlage – zurück, was deutlich angenehmer war.

Typische Innenansicht eines Verkehrsmittels in Mittelamerika

Leòn

Wir erreichten Leòn in praller Mittagshitze und natürlich fielen die Taxifahrer gleich wie ein Schwarm Fliegen über den gerade ausrollenden Minibus her. Man hatte kaum Gelegenheit auszusteigen, da wurde man schon mit Angeboten und Zurufen überhäuft.

Da wir uns ein wenig informiert hatten, was denn so eine Taxifahrt zu unserem Hotel hätte kosten dürfen (20-30 Cordoba = 0,70 – 0,90 Cent) staunten wir nicht schlecht, als das erste Angebot bei 500 Cordoba lag, also knapp 14 Euro!

Dankend lehnten wir ab und schleiften unser Zeug die 2,5 Kilometer zu unserer Unterkunft, einem kleinen Hotel mitten im Zentrum der Stadt. Das Gebäude war im Kolonialstil gebaut… Und hatte offene Bögen über den Türen. In einer Stadt, in der es mehr Moskitos gibt als Menschen ein geringfügiges Problem. So deckten wir uns zuerst mal mit Moskitospray ein, damit wir überhaupt die Nacht überstanden.

Leòn ist wie Granada auch, eine Stadt aus alten Tagen. Zu seiner Zeit Hauptstadt des Kolonialreiches, später in den Achzigern dann Hauptstadt der Revolution.

Hier begannen die Aufstände, die letztendlich die diktatorische Regierung stürzten und das Land in eine Demokratie führte. Leider mit enormen Verlusten unter der zivilen Bevölkerung. Die gesamte Stadt ist eine Gedenkstätte der Opfer und Revolutionäre, die ihr Leben für die Unabhängigkeit und Freiheit lassen mussten. An jeder Ecke steht ein Denkmal, eine Statue oder ein Mahnmal, das an jene grausame Zeit erinnern soll.

Ansonsten überwiegen die kolonialen Bauten, die Plätze und Alleen. Man spürt das Alter dieser Stadt, die scheinbar nicht für die heutige Zeit ausgelegt zu sein scheint. Der Verkehr staut sich überall, die Straßen sind kaum breit genug, damit zwei Autos an einander vorbeikommen, geschweige denn zwei LKWs oder Chickenbusse.

Wir blieben zwei Tage in der Stadt, die zu ihrer Mittagszeit an einen Glutofen erinnert. Man kann kaum einen Fuß aus dem Schatten nehmen, denn was die Sonne berührt, wird sofort gnadenlos verbrannt.

Wir nutzten die Zeit, um bei einer Wäscherei unsere schmutzige Kleidung abzugeben, die langsam überhand nahm. Zu Fuß waren es vielleicht 15 Minuten, was bei so einer Hitze schon echt unangenehm ist. Bloß staunten wir am Abend nach dem Abholen nicht schlecht, als wir im Hotel das Paket öffneten und zusätzlich zu unserer Wäsche noch die Kleidung eines anderen darin lag.

Da aber die Besitzer der Wäscherei wirklich nett waren (um ehrlich zu sein, ein paar der wenigen…) konnten wir nicht wirklich sauer sein und brachten die fremden Kleidungsstücke vor dem Abendessen wieder zurück.

Außerdem besuchten wir mit unserer Tochter einen Rummelplatz in der Nähe der großen Kirche. Wobei Rummelplatz übertrieben ist… Die “Fahrgeschäfte” waren eine zusammengeschusterte Konstruktion von Autos bzw. Gondeln angebracht auf einem großen Rad. Die Beleuchtung wurde von einer Autobatterie gespeist und das “Karusell” wurde nur mit reiner Manneskraft betrieben.

Was im besonderen in Leòn, aber auch im gesamten Rest von Lateinamerika auffällt, ist… wie soll ich es am besten ausdrücken… „die besondere Art der Innengestaltung einer jeden Kirche“. Ich hoffe das ist politisch korrekt genug!

Aber im Ernst, man muss schon echt die Augen zusammen kneifen, damit man nicht augenblicklich einen epileptischen Schock erleidet, sobald man das Kirchenportal durchschritten hat.

Überall hängen Lichterketten, an jeder Säule ziehen sich Lametta und LED-Bänder empor und neben dem Altar stehen teilweise bis zu fünf Meter hohe Aufbauten mit Szenen aus der Bibel und der Weihnachtsgeschichte. Mit Springbrunnen! Wo auch immer der in der Bibel vorkam!

Vielleicht ist diese Art der Dekoration nur auf Weihnachten zurückzuführen, das ja jetzt gerade mal zwei Wochen zurückliegt, aber ganz unter uns… Das glaube ich eher nicht…

Da trifft aber wiedermal das alte Sprichwort „andere Länder, andere Sitten“ zu!

Nach dieser doch sehr eindrücklichen Erfahrung machten wir uns mit einem Shuttle auf den Weg zum Lake Nicaragua, genauer gesagt auf die Insel Ometepe.

Ometepe

Ometepe liegt in mitten des Nicaragua Sees und besteht praktisch nur aus zwei gigantischen Vulkanen, die (zur Zeit) beide erloschen sind. Man kann den größeren der beide, den Conceptiòn erklettern, was bei trainierter Konstitution knapp 10 Stunden in Anspruch nimmt. Dafür hat man aber einen atemberaubenden Blick vom Gipfel des knapp 1700-Meter-Riesen. Oder auch nicht, denn meisten ist seine Spitze von Wolken verhüllt…

Wie auch immer, das Abenteuer beginnt meistens schon am Fährhafen, denn die Kähne, die einen auf die Insel bringen, sind gefühlt aus dem 16. Jahrhundert und werden überwiegend nur noch von Rost zusammengehalten. Wenn man dann bedenkt, dass auf diesem Haufen Schrott noch 10 Autos und ein LKW mit Kühen mitfährt, plus natürlich 100 andere Fahrgäste kann jede Sekunde, die die einstündige Überfahrt dauert, zur Nervensache werden.

Trotz allem wohlbehalten erreichten wir Ometepe. In Moyogalpa, wo wir auch an Land gingen, lag unser Hotel, keine fünf Minuten zu Fuß von Hafen entfernt. Lustigerweise war es die vorletzte Straße der Stadt, nur das man mal ein Verhältnis der Größe dieses Ortes erhält.

Da die meisten Aktivitäten auf der Insel den Extremsportlern, oder denen sie meinen sie wären es, vorbehalten ist, blieb für uns nur, die Insel zu erkunden. Im Normalfall benutzt man dafür einen Roller, den man für keine 20 US Dollar mieten kann. Da wir aber diverse Reisende getroffen haben, die schwere Spuren dieser Fahrten davongetragen hatten, entschieden wir uns gegen diese Art der Fortbewegung. Es war uns einfach zu gefährlich mit der Kleinen auf dem Sozius ein solch runtergewirtschaftetes Gefährt zu fahren. Da wir aber auch nicht untätig rumsitzen wollten, suchten wir eine Alternative. Die zu mietenden Quads, die deutlich sicherer für zwei Personen mit Kleinkind sind, schlugen mit 70 US Dollar zu buche und überstiegen etwas unser Budget.

Aber dank unseres freundlichen Hoteliers, der einen einzigen Anruf tat, waren wir 10 Minuten später für acht Stunden stolze Besitzer eines 250er Suzuki Quads. Und das für 45 Dollar!

Und ich muss gestehen, nach all den Fahrzeugen, die wir auf dieser Reise genutzt hatten, dieses ATV war der Kracher! Ich hatte noch nie so viel Spaß. Ob das meine Beifahrer auch so sahen, kann ich nicht beurteilen, in dem schrottigen Rückspiegel konnte ich immer nur mein Grinsen sehen! Und für meine Tochter war es anscheinend auch nicht so wild, denn sie schlief seelenruhig zwischen uns eingeklemmt ein.

So donnerten wir über die Straßen und Pisten der Insel. Wir machten nur Halt an einem Schwimmbad, das ausschließlich vom Wasser gespeist wird, das vom Vulkan herunterläuft.

Dort verbrachten wir drei Stunden mit schwimmen, planschen und in der Sonne liegen. Das Beste an diesem Schwimmbecken war aber ein Schwungseil, das an einem Baum befestigt war und mit dem man sich von einer Plattform über fünf Meter weit schwingen und ins Becken fallen lassen konnte. Damit verbrachte ich den halben Tag, immer wieder angefeuert durch meine am Beckenrand sitzenden Ladies!

Den Muskelkater am darauffolgenden Tag kann ich hier überhaupt nicht in Worte fassen… Und das trotz meines absolut athletischen und durchtrainierten Körperbaus (zwinker!).

Leider mussten wir das ATV am Abend wieder abgeben. Vorher drehte ich aber noch eine Runde alleine über die Insel! Und ich kann nicht beschreiben, was für ein Gesicht die Fußgänger machten, als ich laut lachend mit Vollgas an ihnen vorbei flog! Wie gesagt, einen solchen Spaß hatte ich schon lange nicht mehr! Ich glaub, so ein Teil brauch ich daheim auch!

Der Weg zurück aufs Festland war nicht minder abenteuerlich als der Hinweg. Diesmal wurde er aber gekrönt von der unbeschreiblichen Ignoranz der Nicaraguaner.

Wer sich am Flughafen schon mal darüber aufgeregt hat, dass sich die Leute schon in einer Reihe am Boardingschalter aufstellen, wenn der Flieger noch nicht mal ans Gate gerollt ist, der sollte besser nicht nach Nicaragua fahren.

Das gesamte Gepäck der Reisenden wurde an einem zentralen Platz im Heck der Fähre gelagert. Schön vom Personal aufgestapelt zu einem quadratischen Berg. Vielleicht 15 Minuten vor Anlegen des Schiffes begann eine regelrechte Schlacht um die Gepäckstücke, jeder wollte als erstes seinen Koffer oder seine Reisetasche haben. Alle griffen durcheinander, es wurde gerauft, geschubst und geschrien…

Aber als das Schiff dann angelegt hatte, verstanden wir auch den Sinn der ganzen Aktion, denn am Kai wartete ein Chickenbus (und zwar anscheinend der einzige für diesen Tag) nach Managua. Den wollten die Passagiere wohl alle bekommen, denn dort ging die Schlacht gleich weiter, bloß dieses Mal um einen Platz im Bus.

Wir bestiegen unser vorgebuchtes Shuttle für die Fahrt zu unserem letzten Ziel in Nicaragua: San Juan del Sur.

San Juan del Sur

Wir wollten unsere Zeit hier gemütlich ausklingen lassen und noch ein bisschen den Pazifik genießen, da ist dieser kleine Urlaubsort genau das Richtige. Das Positive gegenüber Costa Ricas Traumstränden ist, dass man hier für ein Hotel (das mindestens genauso gut ist wie 50 km weiter südlich) statt 60 US Dollar nur 20 bezahlt.

Im Gegenzug muss man aber auch mit Sachen rechnen, wie ein ausgewiesenes B&B (Bed UND Breakfast) zu buchen, welches aber ohne Frühstück ist… Das kostet extra… Muss man nicht verstehen…

Wenn man aber über solche Dinge hinweg sieht, ist es einer der schönsten Orte unserer bisherigen Reise.

Und die Hauptsache hier ist schließlich Sonne, Strand und Ozean…

Eigentlich dachten wir, dass uns hier nichts mehr schocken würde, wir standen ja kurz vor der Ausreise.

Bis zum vorletzten Tag!

Da kam nämlich mal schnell eine AIDA in die Bucht. Eigentlich besser gesagt davor, denn die kleine Bucht war nicht im Stande, das riesige Schiff aufzunehmen. So wurden die Passagiere mit kleinen Fähren an Land geschafft.

Und plötzlich war das kleine, fast schon verschlafene Nest San Juan del Sur ein Bienenstock!

Wie aus einer kaputten Wasserleitung strömten die Touristen aus dem winzigen Hafen und direkt in die Stadt hinein.

Überall spazierten Touristen überwiegend älteren Semesters durch die engen Straßen, die Geschäfte quollen fast über vor strohhuttragenden, in Khakishorts gekleidete Rentner mit ihren Kameras vor den Bäuchen und ihren Sicherheitsgeldbeuteln um die Hüften.

Ich war noch niemals auf einer Kreuzfahrt, aber wenn es Klischee-Kreuzfahrt-Touristen gibt, dann waren sie alle an diesem Tag in San Juan.

Natürlich brachte der Ansturm der rüstigen Truppe die einheimische Tourismusindustrie zum Überkochen und jedes Restaurant hatte mindestens drei Leute mit Flyern auf der Straße um möglichst viele der Kreuzfahrtsenioren abzugreifen. Die Souvenirverkäufer hatten von einer Minute auf die andere Hochsaison und kamen fast nicht nach, alle der kaufwilligen Seefahrer ihren Ramsch anzudrehen.

Wir beobachteten das bunte Treiben mit einem Frozen Cappuccino von der offenen Bar unseres Hotels aus und ich muss sagen, es war wirklich unterhaltsam.

Als es auf den Abend zu ging konnte man beobachten, wie sich langsam eine betagte Karawane in Richtung Hafen aufmachte. Zuerst kam die rüstige Rentnerschar, die eilig mit hochrotem Kopf ihre letzte Möglichkeit erreichen wollten, in ihre klimatisierte Kabine zurückzukommen und abends dann mit den gerade erstandenen Souvenirs beim Captainsdinner zu protzen. Hinter Ihnen eine Armada aus Händlern, Essensverkäufern und Bettlern, die ebenfalls auf ihre letzte Chance sannen, noch irgend welches Geld zu verdienen.

Als dann das Horn des Schiffes durch die Bucht hallte und es ganz gemächlich Kurs auf den offenen Pazifik nahm, hatte man das Gefühl, man stünde vor dem Brandenburger Tor am Morgen des 1. Januar.

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